Tiergestützte Therapie – Bücherrezension

Vor einiger Zeit erhielt ich die Möglichkeit auf einem Blog ein Buch über tiergestützte Therapie zu rezensieren.

Da ich immer wieder hundebezogene Bücher lesen, habe ich mich entschlossen, euch zukünftig meine Ansichten über die gelesenen Bücher mitzuteilen. So wird hier also langsam, aber stetig wachsend, eine kleine “Bücherreihe” und meine Statements dazu erscheinen.

Und falls ihr euch fragt, wie es kommt, dass ich als erstes ein Buch über tiergestützte Therapie rezensiere, obgleich ist Assistenzhundetrainer bin? Die Antwort ist ganz einfach:
Ich schaue unglaublich gerne über den Tellerrand!

Praxis der hundegestützten Therapie“ von Wohlfahrt und Mutschler

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Das Buch, welches ich rezensieren durfte, hat 229 Seiten geballte Informationen über den Einsatz von Hunden in therapeutischen Settings. Da ich eine sogenannte „Grünschleife“ bin, d.h. ich trainiere Hund nach den Grundsätzen von Trainieren statt dominieren (nachzulesen hier), war ich zunächst enttäuscht zu lesen, dass die Grundlagen dieses Buches Erziehungsmethoden präferiert, die rein körpersprachlich wirken. Meines Erachtens sind wir Menschen körpersprachlich nämlich niemals so gut und genau, wie Hunde das können, zudem beschränken wir uns indem wir unser eigenes Medium, die Sprache, außen vorlassen – doch ich greife vor, zurück zum Buch:

Studien untermauern die Aussagen

Angenehm aufgefallen ist mir, dass es sich hier um ein Hundebuch handelt, was erfreulicherweise mit reichlich Hinweisen zu Studien angereichert ist. Leider ist das bei anderen Hundebüchern oft nicht der Fall und es wird auf Basis von teilweise unwissenschaftlichen Einstellungen argumentiert. Angenehm auch, dass die Studien farblich in Kästchen abgesetzt sind. Ich empfehle, zunächst den normalen Buchtext kapitelweise zu lesen, um dann zu den Studien zurückzukehren. Anfangs hielt ich es anders, was mir ein „Reinkommen“ in das Buch sehr erschwert hat.

Thematisch gelungen

Thematisch finde ich das Buch außerordentlich gelungen. Es führt zunächst Begriffe und Definitionen ein, bietet eine Übersicht über die Merkmale Tiergestützter Therapie und die Abgrenzung zu Tiergestützten Interventionen und Assistenzhunden. Dabei werden die Grundlagen der Mensch-Hund-Beziehung und die Wirkfaktoren und Wirkungen tiergestützter Therapie erläutert.
Super gut gefällt mir, dass es ein eigenes Kapitel über Tierethik und Tierschutz gibt und dieses Thema, nämlich, dass der Hund und sein Wohlergehen im Vordergrund stehen sollte, immer mal wieder an relevanten Stellen aufgegriffen wird. So stellen die Autoren die Frage „Was hat der Hund von dieser Arbeit?“ Die Verfasser sehen es, meiner Ansicht nach, zu Recht kritisch, dass gerade Menschen mit Helfersyndrom oftmals ihre Hunde instrumentalisieren. Sie vermuten, dass diese Menschen über die Hunde versuchen Anerkennung zu bekommen. Bei den gewählten Worten sollte jedem klar werden, dass das keine gute Idee ist.

Der Erziehungsteil, naja…

Nicht zufrieden bin ich mit dem, glücklicherweise nur kleinem Teil des Erziehungsratgebers.

Die Autoren präferieren nonverbale Kommunikation mit dem Hund, als sie über Hör- und/ oder Sichtzeichen zu „dressieren“; sie finden Tricks würdelos; unterstellen, dass Dominanz und Unterordnung zusammenhängen. Sie sind der festen Überzeugung, dass der Hund es als sinnvoll erachtet einen Korb mit Materialien gefüllt zum Auto zurück zu tragen, weil das weniger aufwendig für den Hund sei, als alle Dinge einzeln zu transportieren. Mag sein, dass ein Retriever gerne Dinge trägt und das auch selbstbelohnend für ihn ist und somit keine Leckerlis als Bezahlung erfordert. Dass ein Hund die mentale Kapazität haben soll, dass Körbe tragen effizienter ist als die Dinge einzeln zu tragen, halte ich hingegen für sehr fragwürdig. Ebenso die These, dass Tricks würdelos seien: Es gibt viel zu viele Hunde, denen man die Freude ansieht Tricks zeigen zu dürfen. Ich würde mit den Autoren konform gehen, wenn die Behauptung wäre, dass in einer tiergestützten Therapie das bloße Zeigen von Tricks zu kurzgefasst sei. Leider blieb diese These („Tricks sind würdelos. “) in dem Abschnitt wie oben beschrieben stehen, wenngleich sie auch in anderen Teilen des Buches darauf verweisen, dass ein Hund innerhalb der Therapie viel mehr zu leisten bereit ist.

Welcher Hund ist geeignet

Kommen wir zur Hundeauswahl, die ebenfalls berücksichtig wird. Mir gefällt, dass die Verfasser den Bereich Tierschutzhund ansprechen. Letztlich kommt ein Tierschutzhund für sie aber nicht in Frage, weil sie der Meinung sind, dass ein Hund mit unbekannter Vorgeschichte schlecht einzuschätzen und damit ein Überraschungspaket sei. Dann erläutern sie die Vorteile von geeigneten Welpen, gehen dabei auch kritisch mit Züchtern und deren Aussagen um, was mir ausgesprochen gut gefällt. Doch abschließend schreiben sie, dass ein Welpe eben auch ein Überraschungspaket sei. Sicherlich haben Sie mit beidem Recht, das Leben bietet Überraschungen… Von meinem Standpunkt aus haben sie in ihrer Betrachtung außen vorgelassen, dass Tierschutzhunde, da sie meistens schon erwachsen sind, stabiler in ihrem Verhalten sind. Ein langsames Kennenlernen könnte Überraschungen ausschließen, wenngleich sich auch Hunde nach einer längeren Eingewöhnungszeit im neuen Heim nochmal ändern können. Das auch Tierschutzhunde Hunde mit Job sein können zeigte unlängst eine englische TV Serie(Rescuedog to Superdog), die mehrere Tierschutzhunde innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums zu unterschiedlichen Assistenzhunden ausgebildet hat.

Instinkte, Triebe, Bedürfnisse

Weiter geht’s mit der geeigneten Rasse, die Autoren unterschieden vier Instinkte der Hund, die mehr oder weniger gut für die Nutzung als Therapierhund geeignet seien. „Rudelinstinkt“, „Territorialinstinkt“, „Jagdinstinkt“ und „Sexualinstinkt“. Instinkt, wird hier analog zu Trieb verwendet. Die Triebtheorie ist allerdings seit 1998 von Jaak Pankseep durch das Modell von verschiedenen Bedürfnissen (siehe auch hier) abgelöst worden. Bleibt man bei den Erläuterungen der Autoren, so kann man Rudel- und Jagdinstinkt sehr gut für die Therapiehundearbeit nutzen, die anderen beiden An-Triebe allerdings eher weniger. Was zunächst – abseits des veralteten Modells – einleuchtend ist, wird aber sehr fragwürdig  argumentiert: So behaupten die Autoren zur Untermauerung ihrer Thesen, dass Herdenschutzhunde die Herde aufgrund dessen verteidigen, weil sie territorial seien. Befasst man sich allerdings mit dem Ursprung von Herdenschutzhunden so weiß man, dass Herdenschutzhunde zumindest ursprünglich postnatal selektiert wurden, d.h. dass NACH ihrer Geburt entschieden wurde, ob sie als Herdenschutzhund geeignet waren. Dazu verbringt man sie im Alter von vier Wochen in die Herde, die sie später schützen sollten und beobachtet, ob sie sich wie gewünscht entwickeln. Die Hunde lernen die Herdenmitglieder als Teil ihrer Sozialverbandes kennen und beschützen diese anschließend. Diese Bindung zur eigenen Herde ist sogar so eng, dass es später schwierig bis unmöglich ist, diese Hunde an eine andere Herde zu binden!
Mit den Worten der Autoren leben Herdenschutzhunde also den „Rudelinstinkt“ extrem gut aus, einen Instinkt, der, laut ihnen, besonders gut für die Therapiearbeit einsetzbar ist.
Ebenso kann der „Jagdinstinkt“ nur dann sinnvoll genutzt werden, wenn man sich wie von den Autoren empfohlen, an Rassen hält, die für die Arbeit nach dem Schuss gezüchtet wurden. Wie sonst sollte wohl eine Stöberleidenschaft eines Jagdhundes oder das Packen eines Jagdterriers für eine sinnvolle Therapiehundearbeit eingesetzt werden?

Zurück zu den Herdenschutzhunden (HSH): Selbstverständlich stimme ich mit der Meinung der Autoren überein, dass HSH eher nicht für den Einsatz als Therapiehund geeignet sind. Aus meiner Sicht, stehen einer Ausbildung als Therapiehund schon alleine die lange juvenile Phase und die frühe Alterung, losgelöst von der sonstigen Eignung bzw. Nicht-Eignung, entgegen.
Die Erklärung von Wohlfarth und Mutschler jedenfalls, ist mehr als fragwürdig und damit aus meiner Sicht, auch der ganze Ansatz über die Instinkte und die geeignete Hundeauswahl in der tiergestützen Therapie.

Tiergestütze Therapie und die Rassefrage

Nachdem sich die Verfasser für Retriever als besonders geeignete Hunderassen ausgesprochen haben, weil sie aggressionsfrei seien – kein Tier ist aggressionsfrei! Es mag Tiere geben, die eine hohe Reizschwelle haben, aber aggressionsfrei? – befürworten die Autoren Welpen Tests. Wissenschaftlich erwiesen ist jedoch, dass kein einziger der vielen Welpen Tests, eine gute Vorhersage treffen kann über die weitere Entwicklung des Hundes. An anderen Stellen erwähnen die Autoren auch selbst immer wieder, dass ein Hund ein „Überraschungspaket“ ist. Mir ist nicht klar, warum sie in diesem Fall nicht an ihrer Aussage festhalten und die Tests stattdessen als geeignet empfehlen. Meiner Meinung nach können sich dadurch falsche Vorstellungen auftun.

Das mir der Teil des Buches, bei dem beschrieben wird, wie man Welpen vom Menschen anspringen abhält und wie man dem Hund beibringt, dass er Frust aushält, ganz und gar nicht gefällt, brauch ich denjenigen, die sich selbst der Erziehungsmethode von „Trainieren statt dominieren“ verschrieben haben nicht zu erklären. Aus meiner Sicht lernt der Hund, wenn man wie im Buch beschrieben vorgeht, dass man seinem Menschen nicht immer vertrauen kann. Das ist, wie man sich leicht vorstellen kann, sicher nicht das geeignete für einen angehenden Hund der tiergestützt arbeiten soll.

Ich hätte mir gewünscht, dass der Welpenerziehungsteil so kleinschrittig und fürsorglich wie die Gewöhnung an die spätere Arbeitsstätte geplant, trainiert und beschrieben oder ganz außen vor gelassen worden wäre.

Trocken, aber wichtig:  Juristische Aspekte

Nach dem, für mich eher anstrengenden Teil mit den Erziehungstipps, folgen in dem vorliegenden Buch, noch Kapitel über juristische Grundlagen, Dokumentation und Bezahlung der Arbeit des Therapiehundeteams. Auch hier fließt nochmals ein, dass der Hund seine Arbeit als sinnhaft erleben soll. Im letzten Kapitel wird abschließend klar, dass Therapiehundeeinsatz gesetzlich weitgehend ungeklärt ist. Der Wunsch nach einer einheitlichen Klärung ist gut erkennbar und auch aus meiner Sicht wäre eine einheitliche Regelung sehr sinnvoll.

Resumee

Insgesamt finde ich das Buch – abzüglich des Erziehungsteils, sehr ansprechend, umfassend und inhaltlich gut aufbereitet und mit stützenden Studien hinterlegt. Mutschler und Wohlfarth erläutern den Ausbildungsbedarf beim Hund und geben aber auch der zwingend benötigten Ausbildung des Menschen ausreichend Raum. Das Buch liefert Checklisten und geht auch kurz auf die Unterschiedlichkeit der Erfordernisse z.B. bei den Erlaubnisanträgen der jeweiligen Veterinärämter ein. Das Buch bietet keine Rezepte für Interventionen und verweist aber auf andere Bücher, die diesen Fokus haben.

Rund um ein umfassendes Buch zum Thema Ausbildung und Einsatz von Hunden in der tiergestützten Therapie. Vorbehaltlich der Erziehungstipps für die Welpen empfehle ich dieses Buch als Standardwerk für jeden, der sich mit dem Thema eingehend beschäftigen möchte.

Meinen Artikel findet ihr hier im Original: http://www.med-press.de/hunde-als-ziemlich-beste-helfer/

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