Verstärker: Kaffee kann den Hundealltag beeinflussen

Belohnungszene - knipseline / pixelio.de

Lerntheorie praktisch angewandt

es begab sich zu morgendlicher Zeit als das Brot alt war – meine Augen waren noch dick und halbgeschlossen, mein Gehirn lief nur auf Notstrom – dass die Hunde die erste, angebackene Brotscheibe als Leckerli bekamen (nein das wird kein Aufruf zu gesunder Hundeernährung)…

Offenbar lief dieses Szenario häufiger ab. Jedenfalls konnte sehr bald festgestellt werden, dass die Hunde, die noch friedlich im Schlafzimmer schlummerten, plötzlich aufsprangen und sich überschlugen um in die Küche auf ihre Plätze zu laufen und dort artig und aufmerksam beobachten zu können wie noch die erste Scheibe Brot abgeschnitten wurde…
Aufgefallen ist mir das aber erst, als ich eines Morgens länger als mein Freund im Bett liegen blieb (ja, das kommt auch mal vor :-)), da die Hunde ansonsten gemütlich mit mir in die Küche schlendern wenn ich das Frühstück vorbereite.
Jedenfalls wurde mir nach einiger Zeit klar, dass schon das Drücken der Kaffeemaschine für die Hunde zum Signal geworden war, dass bald die Brotmaschine (korrekter wäre der Allesschneider) betätigt werden würde.
An diesem Zeitpunkt setzen meine

Überlegungen zur Lerntheorie

ein:

Was heißt denn eigentlich Verstärker und warum primär?

Ein Verstärker ist eine Belohnung, die ein Verhalten häufiger, schneller, länger oder zumindest gleichbleibend auftreten lässt. Primär bedeutet “zuerst vorhanden” oder “wesentlich”. Ein primärer Verstärker befriedigt also ein wesentliches Bedürfnis des Hundes. Grundbedürfnisse des Hundes unterschieden sich nicht wesentlich von denen des Menschen, so sind zum Beispiel folgende Punkte Bedürfnisse, die wir unseren Hunden erfüllen können:

Belohnung
knipseline / pixelio.de
  • Futter, Wasser (= Nahrungsaufnahme)
  • Körperliche Bewegung
  • Seeking System (= Erkundungsverhalten)
  • Sicherheit und Ruhe
  • Sozialkontakte (zu Menschen und Hunden)

Brot (= Futter) ist also offensichtlich eine starke Belohnung für meine Hunde und entspricht einem primären Verstärker. Das Geräusch der Brotmaschine kündigt die erste Brotscheibe an. Hier ist also das Geräusch zu einem sekundärem Verstärker (Verstärker zweiter Ordnung) geworden, der den primären ankündigt. und bereits Vorfreude auslöst, was an den Sabberfäden aus den Schnauzen meiner Hunde klar ersichtlich ist (Stichwort: Pawlowsche Glocke).
Das Betätigen der Brotmaschine wurde jedoch nicht immer mit Brot belohnt, das entspricht einer variablen Belohnung (im geplanten Training folgt dem sekundärem Verstärker allerdings immer der primäre). Solche Verstärkungsgeschichten (mal wird belohnt und mal nicht) sind besonders schwer wieder aufzulösen, da der Hund lange versuchen wird, was er tun muss, damit er wieder zu seine Belohnung kommt – schließlich war er vorher auch schon oft erfolgreich. Variable Verstärkung setzt man im Hundetraining gezielt ein um besonders löschungsresistentes Verhalten zu formen.

Was hat es nun mit dem Kaffee auf sich?

Offenbar wird die Kaffeemaschine bei uns häufig direkt vor dem Betätigen der Brotmaschine bedient, so dass sie für meine Hunde zu einem tertiären Verstärker geworden sind (Verstärker der dritten Ordnung, der den sekundären und primären ankündigt).
Tertitäre Verstärker verwende ich im Hundetraining z.B. beim doppelten Rückruf, bei dem ein Silbenstrom  (tertiärer Verstärker (Belohnung), der sekundären (Markerwort) und primären vorhersagt) dem Hund beim Rückruf wieder zu mir angelt (ankert). Konkret bedeutet das, wenn ich meine Hunde mit dem Doppelten Rückruf rufe, mache ich sie auf mich aufmerksam (Umorientierungssignal), beginne mit dem Silbenstrom (tertiärer Verstärker) mit dem ich erst aufhöre, wenn meine Hunde bei mir sind, in meine Nähe bekommen sie den Click oder das Markerwort (sekundärer Verstärker) und erst danach gibt es die Futter- oder sonstige Belohnung (primäre Bedürfnisbefriedigung)…

 

Für weitergehende Informationen über Verstärker, empfehle ich das Buch von Viviane Theby, Verstärker verstehen (Buch7 (der Link zu dem empfohlenen Buch) fördert übrigens mit 75 Prozent soziale und ökologische Projekte und ist aus meiner Sicht eine echte Alternative zu Amazon).

 

Welche lustigen (nicht geplanten) Verknüpfungen haben eure Hunde gemacht? Erinnert euch meine Geschichte an Erlebnisse mit eurem Hund?

Spaziergang mit Hindernissen – (m)ein Erfahrungsbericht: vielfältige Belohnung

Profilfoto Kira uns Bonny
Heute hatten wir einen spannenden Spaziergang, der die ein und/ oder andere Belohnung erforderlich machte. Das beste aber vorweg: Die Mädels waren großartig und haben sich alle Belohnungen redlich verdient:

Wildschwein – Schnüffeln als Belohnung

Zuerst schnüffelten die Mädels ganz aufgeregt an einem Eingang einer eingezäunten Tannenschonung, welche nach dem Christbäumefällen nur provisorisch mit Blumendraht und Maschendrahtzaun geflickt war. – Bei genauerer Betrachtung meinerseits, hing unten ein Stückchen Wildschweinkittel. Das arme Schwein muss sich einen ordentlich Streifen Fell aus seiner Haut gerissen haben…
Solche Momente kann man nutzen um Umweltbelohungen aufzubauen. Hierzu verknüpft man das Schnüffeln mit einem Signal, so dass man es als Belohung einsetzen kann.
Den Mädels genügte nach einiger Schnüffelzeit ein einfaches “Weiter” um sich dennoch bereits gut aufgeregt mit mir fort zu bewegen…

Rehe – Gucken als Belohung

Zehn Meter weiter war der Zaun zu Ende. Plötzlich stürmten beide Mädels Richtung Wegkante und Abhang. Kira hatte ihre Vorderpfoten schon ins schneebedeckte Laub gegraben und wollte gerade durchstarten, als beide durch ein “Stop” verharrten  und sie sich auf dem Absatz umdrehten um sich eine großzügige geworfene Futterbelohnung ab zu holen…
Dann lief es völlig entspannt weiter, die Mädels schnüffelten den Spuren auf dem Weg entlang und “glotzen” mal in die Wälder – während ich wohl immer ein Auge auf den beiden aber dennoch meinen Gedanken nachhängend weiter schlenderte…herrlich!

Partymeile  Flitze-Belohnung mit Apportieren

Dann stürmte Bonny plötzlich los. Der steile Anstieg in den Wald wurde mit einem Sprung überwunden. Das müssen Rehe sein! war mein erster Gedanke. Aber hier lag ich falsch. Bonny hatte sich die Tobestelle von ihr und ihrem besten Kumpel ausgeguckt um heute mal alleine zwischen den Bäumen zu flitzen… Da mein Hirn einige Zeit brauchte um das zu erkennen und ich vorher mein “Fellchen” auf dem Weg drapiert hatte, schickte ich sie zu einer Wegerücksuche (als Übung und Belohnung) los. Kira war schneller – natürlich haben beide ihre Belohnung erhalten. Kira fürs Finden, mit Bonny habe ich dann noch schnell einen Apportübungsteil eingeschoben.

Maulwurf
– Erkundung bzw Leckerlisuchen als Belohung

Der Rückweg verlief bis kurz vors Auto ereignislos, bis ein offenbar suizidgefährdeter Maulwurf einen halben Meter vor uns den Weg kreuzte.
Kira kam sofort in den Genuss einer Superleckerlisuche – da meine Hand reflexartig die besten Belohnungsstückchen verstreut hatte.
Bonny hatte aber schon einen großen Satz gemacht und stupste mit ihre Nase das Fellbündelchen an.
“Sitz” klappte nicht – Bonny war zu aufgeregt um zu denken. Sie vibrierte förmlich. Also Geschirrgriff, und Bonny erstmal weg geführt. 2 Meter weiter klappte ein Sitz. der Maulwurf hatte sich mittlerweile im weichen Matsch eingegraben. Also habe ich es riskiert und Bonny durfte zur Belohnung noch mal hin und gucken. Gleiche Übung mit etwas weniger <Löffelchen> bei Bonny – klappte aber diesmal, sehr sehr zögerlich zwar, aber Madame saß etwa 40 cm (Nase -Maulwurfentfernung)! Unglaublich!

Nochmal, gleiche Belohnung:

Bonny darf nochmal hin. Da sie nun auch versucht ihre Pfoten einzusetzen, nehme ich sich mit dem Geschirrgriff wieder mit. Diesmal etwas weitere Entfernung. Hier darf sie zur Abregung Leckerlis suchen – obwohl es auch Frikadelle zu finden gäbe, kann Bonny sich kaum konzentrieren –

Fang mich – Laufspiel als Belohnung

Mein Versuch sie weitergehend (und ansprechend) mitzunehmen scheitert. Ihre Nerven liegen blank – sie rennt zurück; mein “Stop” und auch mein “Doppelter Rückruf” scheitern [Notiz an mich selbst: unbedingt wieder in leichten Situationen üben]. Mittlerweile liegen etwa 30 Meter zwischen uns, Kira ist die ganze Zeit freudig und leckerlisuchend in meiner Nähe, rufe ich “Fang mich” (die Ankündigung eines Laufspiels) und meine beste Bonny wendet sich flugs ab und kommt freudig angelaufen. YEAH!
 
  • Ich bin so stolz auf meine Mädels (und den Maulwurf) und notiere für mich:
    Doppelter Rückruf ausbaufähig,
  • Fang mich = Belohnung – nicht vergessen in leichten Situationen aufzuladen,
  • Kira liebt die Wegerücksuche,
  • Bonnys Antijagd-Training trägt mittlerweile auch auf kurze Distanzen Früchte!

Und nie vergessen

  • reichlich Belohnungen dabei zu haben man weiß nie was (und wie viel) auf einem Spaziergang alles passieren kann.

Belohnungen obwohl nichts klappt!?

Wie Du siehst, hat auf unserem Spaziergang (noch) nicht alles geklappt. Gerade bei Bonny kam es zu Situationen, in der Sie Übungen auf dem aktuellen Trainingsniveau nicht meistern konnte.
Dennoch verfügen wie über eine reiches Übungs- und auch Belohnungsrepertoir, so dass wir alle brenzeligen Momente wunderbar entspannt anpassen konnten.

Schimpfen, als Bonny abgehauen ist, war für mich keine Option:
Ich betrachte das als meinen Fehler: Ich habe die Situation falsch eingeschätzt und weder Abstand zum Auslöser noch Übungslevel korrekt eingeschätzt.

Solche Momente dienen meiner Reflektion:

Ich erkenne wie weit unser Training fortgeschritten ist, finde für die aktuelle Situation eine andere Möglichkeit und arbeite in den kommenden Tagen an den Dingen, die heute noch nicht zufriedenstellend geklappt haben.

So wird Training für Hund und Mensch fair!