Sep 20

Leinenaggression – Das Umfeld ist (auch) entscheidend

Leinenaggression!

…zumindest in diesem Fall war das Umfeld ausschlaggebend…
Irgendwie hat es sich in unser Leben geschlichen… Kira, meine eigene Hündin, rastet in der Begegnung mit anderen Hunden aus. Sie springt in die Leine, bellt, knurrt, „geht nach vorne“…
– Wie schrecklich, der Hund der Hundetrainerin „funktioniert“ nicht vorbildlich!

Kiras Lieblingsstrategie war es, sich mitten auf den Weg zu setzen, und zu warten bis der fremde Hund nah genug kam um dann zu explodieren. Der Leidensdruck war bei allen hoch, zumal knapp 40 Kilogramm explodierende Masse nicht leicht zu bändigen sind! Ebensowenig wie 40 Kilogramm festsitzende Masse fortzubewegen sind.

Zeit und Raum

War es mir möglich Kira früh genug ansprechen, konnte ich sie umorientieren und die Distanz vergrößern, so dass sie aus einiger Entfernung ruhig gucken konnte. Manchmal war Ausweichen aber nicht mehr möglich und dann folgte oben beschriebenes Szenario… schrecklich für alle Beteiligten!

Lernmöglichkeiten  – Technik alleine reicht nicht

Unser ganzes Repertoire an Techniken, wie Umorientierung, Click for Blick, U-Turn und Co, halfen uns also nicht, ein neues, stabiles Verhalten bei Kira aufzubauen. Zu selten trafen wir andere Hunde an denen wir vernünftig üben konnten. Mit zwei großen, überwiegend schwarzen Hunden ist man mitunter sehr einsam im Sauerland :-).

Entweder trafen wir niemanden oder die Hundehalter nahmen schon von weitem reiß aus oder sie liefen ihre Hunde ständig ermahnend (oder schlimmeres) im Stechschritt an uns vorbei.

Wir schwankten also zwischen, „noch keine Lernsituation“ oder „zu angespannt um zu lernen“- Situation.
Vielleicht erinnert sich der ein oder andere noch an seine Schulzeit und in welchen Umgebungen er/ sie am schnellsten und nachhaltigsten lernen konnte?

Spaß muss es machen!

Richtig! Es waren entspannte Situationen mit freudigen Überraschungsmomenten die uns Schüler*innen die schönsten Aha-Erlebnisse beschert haben. Und so war es auch bei uns:

Arbeitsurlaub mit Ute Blaschke-Berthold (cum-cane® )

Wir fuhren zu einem einwöchigen Seminar auf dem wir uns um Kiras Hundebegegnungsproblematik kümmerten.

Kleinschrittig übten wir unsere bekannten Techniken. (Kiras Herrchen übte mit ihr – ich hatte ja schließlich Urlaub 🙂 ). Und trotz der unbekannten Umgebung (bedeutet zusätzlich Stress), wurde Kira zunehmend entspannter.
Mir ging das Herz auf. Ein weiträumiger Garten, mehrere Hunde darin und unsere „Kampfziege“ hatte nur noch Augen für ihr Herrchen, spielte ausgelassen und konnte sich selbst von Hunden, die mit Quietschies (ihrem absoluten Lieblingsspielzeug) spielten, umgehend abwenden und sich anderen schönen Dingen mit Herrchen zuwenden…

Leinenaggression adé - Entspannung am See

Entspannung am See

Generalisierung

Nun lernen Hunde ja ortsbezogen, d.h. nur weil sie im Wohnzimmer Sitz machen können heiß das noch lang nicht, dass es auch überall auf dem Spazierweg klappt.
Also blieb noch abzuwarten, ob unsere Kira, das neu gelernte Verhalten auch an anderen Orten zeigen können würde. Überraschenderweise bot uns die Rückreise schon einige Generalisierungsgelegenheiten:

Plötzlich inmitten von Hunden

Nicht nur im Training, auch auf dem Weg von Bayern zurück ins Sauerland braucht es (eigentlich) Pausen. Also verließen wir die Autobahn und suchten uns ein geeignetes, ruhiges Plätzchen (wie wir dachten) und stiefelten los. Der schöne Ort war allerdings offenbar bei allen ansässigen Hundehaltern bekannt: Auf unserer kurzen Runde, die eigentlich zur Entspannung gedacht war, trafen wir sieben fremde Hunde! Nicht immer gab es die Ausweichmöglichkeiten, die ich mir gewünscht habe (teilweise Elektrozaun beidseitig des Weges) und trotzdem:

Geschafft

Kira, die vor unser Seminarwoche bei Ute, in zehn Metern Abstand an der Leine ausgerastet ist, hat es bei allen Hunden geschafft! Sie blieb ruhig, konnte Futter nehmen, und das obwohl wir nur noch Trockenfutter hatten.

An einem Hund mussten wir vorbei, der sichtbar Angst hatte. Im Gespräch ergab sich, dass dieser Hund als Welpe gebissen wurde. Die Situation war fürchterlich angespannt, trotzdem ging Kira locker trabend vorbei. Ein anderer Hund wurde hektisch ins Fuß genommen – auf mich wirkte der Hund gestresst – lief aber artig neben seinem Menschen. Als er nach einigen Metern wieder frei laufen durfte, machte er umgehend einen ( für ihn befreienden?) Mäusesprung. Diese schnelle Bewegung erschreckte Kira, und sie wuffte einmal und drohte in alte Verhaltensweisen zu kippen. Unser U-Turn gefolgt von einem Laufspiel brachte sie jedoch wieder auf Spur.
Ein Boxer wurde am Halsband geführt, was ihn noch weiter aufrichtete und für Kira bedrohend gewirkt haben muss, trotzdem blieb unser Mädchen entspannt.

entspannt gucken

Seele baumeln lassen

Ich bin so stolz:

Auf Ute und Alex (derzeit Studi von Ute), aufs Herrchen und natürlich auf Kira
und, dass wir uns entschieden haben den Urlaub am Meer gegen die Lernwoche bei Ute einzutauschen…

Warum oute ich mich eigentlich?

Warum ich das schreibe fragt ihr euch?
Dieser Artikel ist vermutlich nicht die beste Werbung für mich…
Oberflächlich betrachtet zumindest nicht!

  • Es ist ein Plädoyer für gutes Hundetraining mit gewaltfreien Methoden.
  • Es zeigt, dass eine Woche intensives Training Welten verändern kann.
  • Es bestätigt mich in meinem Weg und daran möchte ich mich erinnern
  • Es ist auch ein Plädoyer  gegen vorschnelle Urteile und eins dafür, sich von dem Gedanken zu verabschieden, dass (Hundetrainer-) hunde perfekt funktionieren müssen. Es sind Hunde, die ihre Geschichte haben. Genau wie andere Hunde auch ihre Geschichte haben. Und einige Hunde haben zum Beispiel schlechtere Startvoraussetzungen (Tierheim, Ausland, …) als andere und einen längeren Weg zu absolvieren.
  • Ich möchte euch darin bestätigen an euren individuellen Hundeproblematiken dran zu bleiben, der als Junghund gebissene Hund, der sich vor jeder Hundebegegnung fürchtet, bricht mir das Herz!
  • und es ist ein Plädoyer für Supervision. Auch Experten tut es gut, sich von anderen Experten auf die Finger schauen zu lassen und sich weiter zu bilden.
  • Und ein kleines bisschen soll es natürlich auch Werbung für individuelles Einzeltraining sein, bei dem man konzentriert und fokussiert an den Herausforderungen seines Hundes und/ oder des Menschens am anderen Ende der Leine arbeiten kann.
  • Nicht zu vergessen: Es ist natürlich auch eine Ode an meinen Hund und selbstverständlich an meinen Freund, der sich bereit erklärt hat als Quotenmann zur Verfügung zu stehen und der durchaus gewillt ist, Wiederholungstäter zu werden!

 

 

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